Myanmar gehört zu den am meisten gebeutelten Ländern der Erde: Jahrzehnte der Militärdiktatur und des Bürgerkriegs. Dazu immer wieder Naturkatastrophen. Gleichzeitig bezaubert das Land zwischen den Ausläufern des Himalaja und tropischen Traumstränden jeden Besucher mit seinem reichen Kulturerbe und seiner tiefer Religiosität. Ich kenne Myanmar seit 2003, zwischen 2014 und 2019 war ich mehrmals im Jahr als Reiseleiterin mit Gruppen im Land unterwegs oder habe für Magazinartikel recherchiert. Damals öffnete sich das Land zwischen den Großmächten Indien und China zaghaft und man bastelte mit Feuereifer am Aufschwung.
2015 erlebte ich die ersten freien Wahlen seit Jahrzehnten mit, nachdem sich die Militärs zurückgezogen hatten, und ließ mich mitreißen vom Freudentaumel der Menschen, als die Ikone Aung San Suu Kyi als Präsidentin bestätigt wurde. Der folgende Artikel entstand 2016 und erzählt von der Hoffnung auf ein besseres Leben und der Magie des Landes, durch das plötzlich ein Ruck ging.



Man rüstete sich für goldene Jahre, denn nach der Öffnung wollten unzählige Reisende das alte Asien erleben, das die Militärs hinter dem Bambusvorhang konserviert hatten. Es waren glückliche Zeiten, die nicht lange währten. Längst sind die alten Machthaber zurück, Aung San Suu Kyi wurde mundtot gemacht, und Myanmar versinkt wieder im Elend und im Bürgerkrieg. Mein Herz ist bei den Menschen des Landes.
Inhaltsverzeichnis
Myanmars goldene Zukunft
Der Artikel erschien erstmals 2016 im Reisemagazin „Reise und Preise“.
Wahlparty in Yangon
„Halb Yangon hat auf den Straßen getanzt “, Lehrer Win strahlt übers ganze Gesicht, wenn er von den Parlamentswahlen im November 2015 erzählt. Wie erwartet errang die Partei der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi einen rauschenden Wahlsieg. Das Volk wählte die Generäle, die das Land seit den 1960er-Jahren mit harter Hand regiert hatten, einfach ab.
Am 1. Februar 2016 versammelte sich zum ersten Mal seit mehr als 50 Jahren ein frei gewähltes Parlament in Myanmar. Und auch wenn die Militärs laut Verfassung immer noch mitmischen dürfen – eine neue Ära hat begonnen. Es herrscht Aufbruchsstimmung im Land. Lange wirkte Yangon wie ein verschlafenes Provinznest. Jetzt erfindet sich die größte Stadt des Landes täglich neu. Baukräne und Hochhäuser wachsen in den Himmel, die Immobilienpreise explodieren. Ständig eröffnen neue Restaurants und Roof-Top-Bars, in denen sich Reisende, Expats und Yangons Oberschicht mischen.






Etwa zwanzig sind die beiden Mädchen, die in der Vista Bar hoch über der Stadt am Tisch neben mir sitzen. Sie tragen High Heels zu ultrakurzen Minis, sprechen Englisch mit amerikanischem Akzent – in Myanmars Upper Class gerade angesagt – und spielen mit ihren iPhones der neuesten Generation. Vor ein paar Jahren noch trugen alle Burmesen den traditionellen Longyi, nur wenige hatten Zugang zum (zensierten) Internet. Und eine SIM-Karte, die sich heute fast jeder leisten kann, kostete 2000 USD.
Tourismus als Perspektive
2010 begann das Land, sich zaghaft zu öffnen und die Generäle nahmen ihr Volk an die lange Leine. Den Tourismus erklärte man zu einem Sektor von nationaler Priorität und neugierige Besucher strömten. Zwischen 2011 und 2014 verdreifachte sich die Zahl der Touristen. Doch Klasse statt Masse, heißt die Devise. Man möchte die Fehler der Nachbarn, die mit Prostitution, Umweltsünden und dem Ausverkauf der Kultur kämpfen, vermeiden. Vielleicht war die lange Isolierung zumindest dafür gut. Auch sollen künftig breite Schichten der Bevölkerung von den Besuchern profitieren, nicht nur – wie in der Vergangenheit – die Generäle. Doch es gibt noch viel zu tun.
Nicht immer stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis der Hotels, weil oft die Nachfrage die Kapazitäten übersteigt. Die Infrastruktur ist ausbaufähig: Fahrten mit Bussen und Autos sind in vielen Regionen strapaziöse Holperpartien, Inlandsflüge relativ teuer. „Der Tourismus steckt, verglichen mit vielen anderen südostasiatischen Ländern, noch in den Kinderschuhen. Es fehlen Geld, um ambitionierte Masterpläne auch umzusetzen, und gut ausgebildetes Personal“, räumt der Touristiker Thomas Preischl, der als Geschäftsführer von Easia Travel Myanmar in Yangon lebt, ein. „Doch für Mängel im Service und manchen Komfortverzicht entschädigen die Schönheit des Landes und der Liebreiz der Menschen.“






Im Hochland der Shan
Die Zahl der für den Tourismus erschlossenen Regionen war lange überschaubar: Yangon, Inle, Mandalay und Bagan heißen bis heute die Stationen der meisten Besucher. Doch nach und nach werden neue Regionen erschlossen. Eine Destination mit viel Potenzial ist Kalaw im Shan-Hochland.
In der einstigen britischen Hill-Station tankten tropenmüde Kolonialherren im frühlingshaften Bergklima frische Kraft. Hier verbringen heute vor allem wohlhabende Einheimische und Honeymooner ihre Urlaubstage. Vor ein paar Jahren öffnete sich die Region aber auch für den Trekkingtourismus. Ein Nischenprodukt mit viel Potenzial, das bestens in die Pläne des Tourismusministeriums passt.






Hari, Burmese mit indischen Wurzeln, gehörte nach der Öffnung zu den Tourismuspionieren in Kalaw. Sein Ururgroßvater kam aus Indien nach Burma, damals noch Teil Britisch Indiens, um Eisenbahnen zu bauen. Der Unternehmergeist lag wohl in Haris Genen und das Geschäft des Dreißigjährigen läuft gut. Vor allem Individualreisende, von denen jedes Jahr mehr nach Myanmar reisen, wollen das Land nicht nur vom Busfenster aus kennenlernen. Davon profitiert auch Haris Freund Eddie. Der diplomierte Agrarwirt hat seinen gelernten Beruf an den Nagel gehängt – dank guter Englischkenntnisse verdient er als Trekkingguide besser. „Von den Touristen erfahre ich so viel von der Welt“, schwärmt er. „Außerdem“, fügt er hinzu, „helfen ihre Trinkgelder, das Studium meiner Kinder zu finanzieren.“





Trekking zum Inlesee
Märkte, Dörfer und ein reisgrünes Hügelland erkunden der Mann und ich auf dem Weg zum Inlesee. Restaurants und Hotels sucht man noch vergeblich. Das Mittagessen serviert uns eine Familie in einem der Dörfer, die sich über den kleinen Zusatzverdienst freut, abends rollen wir die Schlafsäcke im Kloster aus.
Nach dem Abendessen bei Kerzenlicht setzt sich geräuschstark der Generator in Bewegung. Wir sind eingeladen, mit dem Abt und zwölf kleinen Novizen Bundesliga im Fernsehen zu schauen. Gegen vier Uhr morgens schreckt uns ein Höllenlärm aus dem Schlaf. Im nahegelegenen Dorf feiert man, dass ein paar Jungs für einige Zeit ins Kloster gehen und damit ihren Familien Verdienste fürs nächste Leben bescheren. Eddie entschuldigt sich für den Lärm: „Das Dorf hat erst seit kurzem Elektrizität. Jetzt dreht man die Lautsprecher ordentlich auf.“ Strom als Statussymbol im Hochland der Shan.









Geheimnisvolles Mrauk-U
Morgens um sieben legt das Flussboot nach Mrauk-U in Sittwe ab. Die Passagiere der ersten Klasse nehmen auf roten Plastikstühlen auf dem Oberdeck Platz. Alle anderen kauern am Boden. Mütter säugen ihre Kinder, die mit traditionellem Baumrinden-Make-up auf den Wangen an Gespenster erinnern. Großmütter füttern Möwen mit Kartoffelchips, Männer löffeln Nudelsuppe und ein Dreijähriger erschießt mich mit der Plastik-MP. Dazwischen ein paar Mönche in ihren rostroten Kutten.
Ist die Tempelregion von Bagan für den Tourismus bestens entschlossen, das zweite bedeutende Tempelareal des Landes – Mrauk U im Rakhine Stadt, unweit der Grenze zu Bangladesch – ist noch ein Ziel für Abenteuerlustige. Wer mit dem Flussboot unterwegs ist, landet blitzschnell im burmesischen Alltag und kann sich beim Reisen im Schneckentempo in der Kunst der Gelassenheit üben. Pfahlhäuser, knatternde Boote, Reisfelder und Palmhaine ziehen vorbei. Wasserbüffel suhlen sich am Flussufer. Auf den Hügeln schimmern die goldenen Dächer der Pagoden und immer wieder winken Kinder. Das alltägliche Flusstheater.









Buddha hatte eine bequemere Reise als die Touristen, glaubt Than Shwe, die mir abends im Restaurant meinen Reis serviert. Wie Batman sei er mithilfe übernatürlicher Kräften nach Mrauk-U geflogen. Und hier, glauben die Einheimischen, saß er damals persönlich für die heiligste Buddha-Statue des Landes Modell. Darauf sind die Buddhisten im Rakhine State stolz. Ein bisschen zu stolz manchmal.
Erst 2012 kam es zu Ausschreitungen zwischen buddhistischen Rakhine und indisch-muslimischen Rohingyas, die hier seit Jahrzehnten ohne Bürgerrechte leben. Der Tourismus brach für zwei Jahre gänzlich zusammen. Than Shwe interessiert sich nicht für Politik. „Ich wähle die Partei, die neue Straßen und neue Schulen für uns baut – und“, ergänzt sie mit verschämtem Lächeln, „dafür sorgt, dass sich alle ein Smartphone leisten können.“ Die junge Frau ist pragmatisch wie viele der Menschen hier.



Im 15.–18. Jahrhundert blühte das Reich von Arakan, wie die Region damals hieß. Im Ausländerviertel betrieben Händler aus Holland, Portugal und Spanien ihre Kontore. Von unzähligen Klöstern, goldglänzenden Pagoden und Buddhas mit Diamantkronen erzählen die alten Texte. In den 1950er-Jahren noch war das damalige Burma das „Juwel Asiens“, in ganz Asiens gerühmt für sein vorbildliches Gesundheits- und Bildungssystem. Die Militärs wirtschafteten es zu einem der ärmsten Staaten der Welt herunter.
Bildung gegen Perspektivlosigkeit
Und in Mrauk-U – eine gefühlte Weltreise von Yangon entfernt – ist der Wirtschaftsboom noch lange nicht angekommen. Bauern pflügen mit Ochsenkarren ihre Felder. Auf den Straßen voller Schlaglöcher, beschattet von den mächtigen Kronen der Regenbäume, sind Fahrräder, Rikschas und Pickup-Traktoren unterwegs. Von einem Moped können die meisten Familien hier nur träumen. Vor den Häusern wird Palmwein verkauft, der billiger ist als Mandalay-Rum oder Myanmar-Bier. Kleine Fluchten gegen die Perspektivlosigkeit.
Ashrim Essriya trifft man, wenn man dem Schild zur Royal Orchid Learning Center folgt. Er lebt auf einem Hügel im Schatten zweier Pagoden unter einer Plastikfolie. Erst vor acht Jahren hat sich der Sechzigjährige, der in seinem ersten Leben Geschäftsmann in Yangon war, aus der Welt zurückgezogen, um Mönch zu werden. Doch statt Zeit für die Meditation, hat er hier eine neue Aufgabe gefunden. „Aus der bitteren Armut können sich die Menschen nur durch Bildung befreien“, glaubt er. Abend für Abend versammeln sich unter seiner Plane rund 100 Kinder zum Englischunterricht. „Sprachkenntnisse öffnen ihnen das Tor zur Welt.“ Und möglicherweise die Chance auf einen Job im Tourismus.




Verstreut liegen die ehrwürdigen Pagoden mit ihren lächelnden Buddhas inmitten der tropengrünen Landschaft und erzählen von der Lehre des Erleuchteten. Kultur und Natur in vollendeter Harmonie. „Eines Tages wird der Tourismus hier blühen wie in Bagan“, davon ist Ashrim Essriya überzeugt. Dann wird es Arbeit für alle geben, fließendes Wasser, den ganzen Tag Strom. Und ganz sicher auch ein Smartphone für Than Shwe.
Die wichtigsten Touristenregionen in Myanmar
Yangon: Die Shwedagon-Pagode ist das Nationalheiligtum Myanmars. Unvergleichlich ist die Stimmung am späten Nachmittag, wenn unzählige Pilger hier Bonuspunkte fürs nächste Leben sammeln. Unbedingt lohnend ist auch ein Spaziergang von der Sule Pagode durchs Kolonialviertel zum Fluss.
Mandalay: Die Millionenstadt im Norden ist das kulturelle Zentrum des Landes und Ausgangspunkt für zahlreiche Tagestouren wie zur U-Bein-Brücke, zur Mingun-Pagode oder auf den Sagaing Hill. Von hier kann man mit dem Flussboot auf dem Ayeyarwady nach Bagan reisen.
Kalaw: Ausgangspunkt für Trekkingtouren in der Umgebung. Beliebt ist vor allem die Route zum Inlesee.
Bagan: Über 3.000 Tempel verteilen sich auf dem riesigen Areal am Ayeyarwady, das zum UNESCO-Welterbe zählt. Man erkundet es am besten mit Fahrrad, Moped oder Pferdekutsche.



Inlesee: Rund um den Hochlandsee warten hölzerne Klöster und verfallene Pagodenstädte, aber auch schwimmende Gärten und Einbeinruderer gehören zu den Attraktionen.
Mrauk-U: Einzigartig sind die Überreste der Pagodenstadt von Mrauk-U, die sich im Tropengrün verstecken. Zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Taxi kann man auf Entdeckungsreise gehen.
Die Küche Myanmars
Die birmanischen Currys, die von Reis begleitet werden, sind weniger scharf als in den Nachbarländern Indien und Thailand und das Herzstück der Küche. Raffinierter sind die frischen Salate – Auberginen-, Tomatensalat und Avocadosalat beispielsweise. Eine besondere Spezialität: Teeblattsalat aus eingelegten Teeblättern mit knackigen Hülsenfrüchten. Shan-Nudeln in Kokossoße füllen angenehm den Magen. Unbedingt probieren: Mohinga, Fischsuppe mit Reisnudeln, die die Burmesen zum Frühstück essen. Im Rakhine State schmeckt man die Nähe zu Indien. Hier wird kräftiger gewürzt als anderswo in Myanmar. Rakhine Fish ist (zu Recht!) beliebt im ganzen Land.



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